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Mittwoch, 8. Juli 2015

Tamara's Homestay Irkutsk

Pünktlich um 9 Uhr abends Lokalzeit komme ich im Bahnhof Irkutsk Passazhirsky an. Über airbnb habe ich lange zum voraus eine Übernachtung bei Tamara's Homestay gebucht. Tamara kann mich leider nicht abholen, da sie unverhofft für ein paar Tage ins Spital musste. Ihre Tochter Vera mit Sohn treffen mich und begleiten mich in die Wohnung. Sie zeigt mir, was wo ist, gibt mir den Wohnungsschlüssel und erklärt, dass sie am nächsten Morgen wieder kommt, um die Anmeldeformulare abzuholen. Die Formulare... Innerhalb von sieben Tagen seit Einreise müssen ausländische Touristen sich in Russland registrieren. Das bedeutet, ein zweiseitiges Formular im Doppel fehlerfrei ausfüllen. Es muss alles in der gleichen Handschrift ausgefüllt sein und darf keine Korrekturen enthalten. Tamara hat mir einen ganzen Stapel dieser Formulare auf dem Küchentisch bereit gelegt und ein Muster dazu, wie es auszufüllen ist. Doch zuerst gehe ich jetzt duschen. Etwa um 23 Uhr starte ich den ersten Versuch. Es braucht Zeit, denn mir fehlt die Übung in kyrillischen Druckbuchstaben zu schreiben. Endlich, erste Seite fertig, alles ok. Weiter mit der zweiten Seite. Etwa zur Hälfte fertig schreibe ich plötzlich ein lateinisches R statt des russischen (Р). Mist. Nächste Garnitur, nochmals von vorn. Der nächste Versuch scheitert ebenfalls. Auch der dritte Anlauf endet im Papierkorb. Morgens um 1:30 Uhr bin ich endlich fertig, allerdings mit einer kleinen Korrektur, die aber hoffentlich akzeptiert wird.
Nun mache ich noch Wäsche, damit sie morgen trocknen kann und falle todmüde ins Bett.

Die Wohnung ist hübsch eingerichtet. Wie so häufig in Russland sind die Gebäude von außen unansehnlich, die Treppenhäuser stinkig und die Wohnungstüren gleichen Panzertüren, aber die Wohnungen selbst sind gepflegt. Nach Schweizer Maßstab ist es eine 3.5 Zimmer Wohnung mit großem Bad und großer Küche, alles zweckmäßig und modern eingerichtet. In der Küche gibt es sogar einen Umkehrosmose-Filter für sauberes Trinkwasser. Auf dem Küchentisch liegen für mich Tomaten, Gurken und junge Zwiebeln (alles aus Tamaras Garten), Kekse, Brot und Streichkäse.

Am Morgen holt Vera wie versprochen die Formulare ab. Ich gebe ihr Geld mit. Die Registration kostet ungefähr 300 Rubel. Eine halbe Stunde später kommt sie zurück. Alles nochmals von vorne, ich habe An- und Abreise-Datum verwechselt. 

Transsib Tag 4

In Novosibirks steigen Raja und Sascha, meine neuen Gefährten, ein. Sie stammen aus Sibirien, leben jetzt in Perm und sind unterwegs nach Vladivostok zu ihren Verwandten. Es sind sehr nette Leute, die mich mit Essen verwöhnen. Wenn es Zeit ist für ein Mal, deckt Raja den Tisch mit einem hübschen, kleinen Tischtuch. Dann zaubert sie Tomaten und Gurken - natürlich aus dem eigenen Garten - sowie Salz, Wurst, Käse, Brot und Süssigkeiten hervor. Die Einladung abzulehnen wäre eine Beleidigung. Meine Vorräte werden knapp. Ich steuere meine verbleibenden Babybel Käslein bei.
Sascha verstehe ich leider kaum, da er sehr leise spricht. Wir plaudern viel miteinander, so viel, dass ich mich nicht mehr an die Einzelheiten erinnere.

So vergeht die Zeit wie im Flug. Wir nähern uns meinem Ziel Irkutsk und es wird langsam Zeit, seine sieben Sachen zusammen zu packen. Bislan, mein neuer Freund aus Grozny, kommt zu mir mit einem 50 Rubel-Schein. Er schreibt eine Widmung darauf: "Zur Erinnerung von Bislan an Ruedi" und das Datum. Ich finde das eine lustige Idee und hole auch einen 50 Rubel-Schein hervor, worauf Raja meint: "Nein, nein, du musst ihm eine Schweizer Note geben." Das hat was, aber ich habe keine dabei, nur Münz. Ich nehme einen Fünfliber (5 Franken-Stück) aus dem Portemonnaie mit der Bemerkung, dass ich nichts darauf schreiben kann und schreibe meine Widmung dann doch auf einen 50 Rubel-Schein. Den Fünfliber will ich einfach zeigen, da hier noch niemand Schweizergeld gesehen hat. Bislan interpretiert das wohl etwas anders und behält ihn für sich als Geschenk. Na, auch gut, denke ich, hoffentlich fragt er nicht nach dem Wert. Kaum gedacht kommt schon die Frage. Es ist mir etwas peinlich, soll ich es sagen? Ich sage es ihm: 325 Rubel. Es entgeht mir nicht, dass Raja nun ein bisschen neidisch ist. Sie hat immer wieder versucht, mir meinen Titan-Becher als Erinnerung abzuschwatzen. Da ich den aber dringend brauche für ein einwöchiges Wanderweg-Projekt am Baikalsee will ich ihn nicht hergeben. Bislan rettet mich indem er fragt: "Ist dieser Becher ein Geschenk von jemandem?" Ich begreife und antworte: "Ja, von meinem besten Freund." Darauf Bislan: "Dann darfst du ihn nicht verschenken. Geschenke darf man nicht verschenken!" Da ich nichts dabei habe, was ich entbehren könnte, schenke ich Raja zwei Tafeln Schweizer Schokolade, natürlich mit Widmung. Dann tauschen wir noch die Adressen aus und ich bekomme eine Einladung nach Perm, ich soll sie und Sascha unbedingt besuchen kommen. Natürlich erhalte ich auch ein Erinnerungs-Geschenk: eine Tube Handcrème "Бархатные руки" (Samtige Hände). Dann verteile ich noch die Schokoladenstängel, die mir meine Mutter mitgegeben hat. Das in dünne Scheiben geschnittene, getrocknete Steinofenbrot findet bei den Tschetschenen dankbare Abnehmer: "Сухарики к чаю".

Am Bahnhof von Irkutsk will ich gar nicht so recht aussteigen. Es hat sich in den vier Tagen seit Moskau eine fröhliche Gemeinschaft gebildet und das Leben im Zug gefällt mir. In unserem Wagen Nr. 13 hatten wir auch Glück mit der Provodniza und dem Provodnik ihrem Mann. Sehr nette Leute und sie haben den Wagen immer sehr sauber gehalten. Jeden Tag sind nicht nur die Toiletten, sondern der ganze Wagen geputzt und feucht aufgewischt worden.


Zum Abschied gibt es herzliche Umarmungen, Glückwünsche und Erneuerungen der bereits ausgesprochenen Einladungen. So endet ein lang gehegter Wunsch: eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Im Bahnhofsgebäude werde ich bereits von Vera erwartet mit einer kleinen Tafel "Tamara's Homestay". 

Dienstag, 7. Juli 2015

Transsib Tag 3

Wieder eine kuze Nacht. Ich habe allen möglichen Blödsinn geträumt. Verfolgungszeugs. Irgendwie spannend, aber auch anstrengend, passend zur Reise.Wirklich tief schlafen kann ich nicht, aber es ist auch nicht nötig. Wenn ich ausruhen will, kann ich mich jederzeit hinlegen.
Gestern tauchte plötzlich ein Mann auf, der in extrem harschem Ton meine drei Jungs zurechtgewiesen hat, sie mögen ja nie mehr in der Toilette rauchen, er warne sie! Da hat er aber recht in den falschen Busch gepinkelt. Die drei sind sehr anständige, wohlerzogene, junge Männer. Sie rauchen nur während der langen Pausen draußen auf dem Bahnsteig, räumen im Abteil immer alles sauber hinter sich auf und wenn ich mich am Abend hinlege, dann stellen sie sofort unaufgefordert auf Flüsterton um. In dem Moment als sie angeschnauzt worden waren hatte jeder gerade eine Dose Bier vor sich auf dem Tisch (das einzige Mal in 72Std). Ist ein Biertrinker immer auch ein Auf-der-Toilette-Raucher? Wie auch immer, es hat sie kalt gelassen.




Es ist Morgen 6:14 Uhr. Wir machen eine Viertelstunde Halt in Omsk. Ich gehe wieder raus an die frische Luft und schlendere den Bahnsteig auf und ab. Hier kann man am Kiosk heisses Essen (горячее питание) kaufen. Ein Tee und ein paar Scheiben vom getrockneten Brot reichen mir aber völlig.



In ca. acht Stunden kommen wir in Novosibirsk an, wo mich Danil, Roman und Aleksandr verlassen werden. Mal sehen, wer dann in mein Abteil einzieht. Gut möglich, dass ich mir ihre ruhige Gesellschaft zurück wünschen werde. Wobei ich sagen muss, dass es im allgemeinen ruhig ist im ganzen Wagen. Einzig der Fluch der heutigen Zeit stört auch hier: Tablets, Smartphones & Computer.

Die Landschaft verändert sich langsam. Zu beiden Seiten der Transsib ist es flach bis zum Horizont. Unter den Bäumen dominiert hier die Birke. Sie wächst in kleinen oder grösseren Gruppen zwischen denen sich riesige, offene Flächen befinden, die meist mit Schilfgras bewachsen sind. Offensichtlich eine eher sumpfige Gegend. Es wäre nicht möglich, mit dem Kompass zu Fuß immer geradeaus zu gehen, dafür aber würde man zum Meister der Umgehungstechnik werden. Gut möglich, dass es große Flächen gibt, die nicht durchquerbar sind. Entlang der Schienen sehe ich viele, große Pfützen, zu groß, um drüber zu springen, zu tief, um hindurchzuwaten und wahrscheinlich würde man bereits schon am Rand der Pfütze versinken.

Ich frage meine Jungs, wie denn das hier im Winter funktioniere, ob spezielle Schneefräse-Züge zum Einsatz kommen, um die Schienen frei zu halten? Achselzucken.
Wieviel Schnee es denn so gibt in einem durchschnittlichen und in einem harten Winter?
Achselzucken, dann meint einer, dass seine Großmutter erzählt habe, der Schnee hätte manchmal bis zum dritten Stockwerk hinauf gereicht.
Ich bin ein wenig erstaunt, wie wenig sie über ihre Gegend wissen. Es scheint sie etwa so viel zu interessieren, wie unsere Schüler der Französischunterricht. Das ist mir schon in Perm aufgefallen. Sie wussten nicht, dass wir uns dem Ural nähern und auch nicht, dass dieser die Grenze zwischen Europa und Asien darstellt.
Dafür haben sie ein Jahr in Severomorsk überstanden, wo es im Winter erst um 10:00Uhr hell und um 17:00Uhr bereits wieder dunkel wird, die Sonne während einiger Monate gar nie auf und im Sommer nie unter geht. Wenn man keine Uhr habe, verliere man völlig jegliches Zeitgefühl, meinen sie.

Ich sehe gerade von weitem eine Kuhherde, auf die Schnelle geschätzt etwa 50 Tiere. Bisher die erste Herde, die ich entdecke. Wenn das Land so sumpfig ist, wie es mir scheint, dann wundert mich das nicht. Für Landwirtschaft, wie wir sie kenne, eignet sich das Land nicht.

Ein Holzereibetrieb, es liegen ein paar Kubikmeter Birkenstämme draussen, nicht viel. Daneben etwas, was mich an die alte Kokerei in Zürich Schlieren erinnert. Nicht in Betrieb, kein Dampf, kein Rauch.

Wir fahren durch kleine Ortschaften. Viele gedrungene, einstöckige Häuser, vereinzelt zweistöckige. Und dann wieder Sumpfwiesen bis zum Horizont. Ich beginne zu verstehen, warum Torf aus Russland kommt (oder kam). 

Montag, 6. Juli 2015

Transsib Tag 2 Forts.

tsa, tschi, ko, di, pri (r französisch wie in Prix). Das ist tschetschenisch für 1,2,3,4,5. Im Abteil nebenan reisen Tschetschenen aus Grozny. Da meine drei Jungs wie gesagt wortkarg sind, suche ich Kontakt in anderen Abteilen und da ich kein Wort verstehe von dem, was nebenan gesprochen wird, es mich ein bisschen an Arabisch erinnert, aber eben doch nicht, setze ich mich einfach dazu und frage, welche Sprache sie sprechen. Tschetschenisch. Es wird ein fröhlicher Nachmittag mit Bislan, Mussa, Lioma, Arbi und Bislan. Sie sind unterwegs von Grozny auf die Kurilen zur Arbeit. Sie sind nach Moskau geflogen, fahren jetzt nach Ванино und von dort über Yuzhno-Sakhalinsk mit dem Schiff zum Ziel. Sie werden dort sicher bis kommenden Frühling auf dem Bau arbeiten. Ein Verwandter mit guten Beziehungen zum Verteidigungsministerium ist der Inhaber eines Baugeschäfts, welches einen Staatsauftrag auf den Kurilen erhalten hat.

Heute fahre ich quasi durch den Schweizer Jura. Es sieht wirklich sehr ähnlich aus, mal abgesehen davon, dass hier der Jura riesengroß, ja unendlich erscheint. Ich schaue aus dem Fenster, bis zum weit, weit entfernten Horizont nur Wiesen und Wälder. Ich stelle mich dumm und frage meine Reisegefährten, welches Land hinter dem Hügel am Horizont liegt. "Russland", antworten sie. Ich schaue aus dem gegenüberliegenden Fenster und auch dort endlose Weiten. Wieder frage ich, welches Land denn auf dieser Seite hinter dem Horizont liege. "Auch Russland", sagen sie. "Das kann nicht sein!" erwidere ich und sie müssen herzlich lachen. Ja, die Weite ist wirklich beeindruckend. Jetzt in der Abendsonne ist die Landschaft besonders hübsch. Ich kann mich nicht daran satt sehen. Es ist vergleichbar mit einer Schifffahrt: nie wird einem langweilig. Einfach großartig während des Abendessens aus dem Fenster zu schauen!
Nach dem Essen (wieder einmal Lapscha, sprich Nudeln) plaudere ich noch ein wenig mit unserer Schaffnerin Olja. Sie ist noch nie im Ausland gewesen. "Das Geld reicht nicht." und sofort ergänzt sie mit strahlenden Augen: "Wozu soll ich weg fahren, wenn ich all diese Schönheit hier betrachte!"


Transsib Tag 2

Wir nähern uns langsam dem Ural. Lokalzeit ist 8:15 Uhr. Es war eine kurze Nacht. Um 22:00 Uhr hatte ich mich hingelegt, um 2:00 Uhr werde ich durch Geschwätz im Abteil wach, es gibt 20 Minuten Pause in Kirov. Ich stehe auch auf, um ein bisschen an die frische Luft zu gehen. Es ist kalt draußen, schätzungsweise 10 Grad Celsius. Trotzdem, ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft während der längeren Halte tut immer gut.
Witzig finde ich, dass hier am Bahnhof Osten und Westen angeschrieben steht.
Danach führe ich im Halbschlaf in Gedanken Tagebuch. Leider nur in Gedanken.
Dann lege ich mich wieder hin und döse ein bisschen. Dabei habe ich einen lustigen Traum in dem ein Freund mich bittet, zu seiner Mutter zu kommen, weil deren Nachbar sich über den Lärm meines Elektrorollers (der nota bene lautlos ist) ärgert.
Im Abteil gegenüber macht sich das verliebte Paar Kaffee. Ich biete ihnen Basler Läckerli an. Widerwillig bedienen sie sich. Sie genügen sich selbst :-) Sie ist etwa 160cm gross, spindeldürr mit hüftlangen, roten Haaren. Er ist zwei Köpfe grösser, ein richtiger Beau. Es steht außer Zweifel, wer das Zepter in der Hand hat. Vielleicht merkt er es irgendwann einmal.
Um 5:27 Uhr halten wir für 23 Minuten in Balezino in der nächsten Zeitzone, sprich lokale Zeit 6:27 Uhr. Hier gibt es mehrere Verkaufsstände auf dem Bahnsteig. Falls ich diese Reise wieder einmal mache, werde ich keine Lebensmittel von zu hause mitnehmen. Es ist überhaupt kein Problem, sich unterwegs einzudecken.

Außerdem verkauft auch die Schaffnerin Nudeln, Süßigkeiten, Tee und Kaffe. Bei ihr ist alles teurer als am Bahnsteig und dort kostet die Ware mehr als im Laden, aber für mich ist es so oder so günstig. Ein Beutel Tee bei der Schaffnerin kostet 30 Rubel. Am Bahnsteig bekomme ich eine Schachtel mit 20 Beuteln für 100 Rubel, wobei ich fairerweise zugeben muss, dass der Tee der Schaffnerin von höherer Qualität ist.






Die Strecke ist kurvenreicher geworden und mit einer kleinen Steigung. Entsprechend langsamer fährt der Zug. Während er bisher mit ca. 115 km/h unterwegs war fährt er jetzt noch etwa 60 km/h.
Meine drei Jungs schlafen noch fest. Ich mache mir einen 5 Rubel Tee und esse ein paar Stücke von meinem aus der Schweiz mitgebrachten, getrockneten Steinofenbrot. Dann will ich Morgentoilette machen, sprich mich rasieren und waschen. Ich verschiebe das Vorhaben auf später, weil gerade am Morgen bei nur zwei Toiletten für 54 Personen der Andrang groß ist und schon an der Türe gerüttelt wird während ich noch beim normalen Geschäft bin.
Die Landschaft wird hügeliger und ich sehe weniger Häuser, dafür mehr hölzerne.
Wir fahren soeben durch Верещагино. Scheint eine kleinere Ortschaft zu sein, denn ich sehe hier keine der sonst typischen, hässlichen Plattenbau-Hochhäuser.Wir verlassen die Ortschaft und ich sehe riesige Felder von gefährlichem Riesen-Bärenklau. Durch diese zwei bis drei Meter hohen Pflanzen gäbe es zu Fuß kein Durchkommen. Danach folgen wieder Birkenwälder. In gewissen Gebieten überwiegen sie, in anderen findet sich Mischwald mit Birken, anderen Laubbäumen und Nadelbäumen. Es ist sonnig bei 23 Grad Celsius. 

Sonntag, 5. Juli 2015

Transsib Tag 1 Forts.

Nr 1-36 links, 37-54 rechts
Wir sind an Nishni Novgorod vorbei. Ich teile mir das Abteil mit drei jungen Burschen, Aleksandr, Roman und Danil. Sie sind auf dem Heimweg von Severomorsk nörlich von Murmansk und haben soeben ihren Militärdienst hinter sich. Sie sind nicht sehr gesprächig. Ab und zu kommt ein kurzes Gespräch zustande. So wollen sie z.B. wissen, wo es besser sei, in der Schweiz oder in Russland. Ich antworte: "Там хорошо где нас нет." Ein Russisches Sprichwort, was soviel bedeutet wie "Anderswo ist es besser".
Ich mag die Atmosphäre im Plazkartny, der günstigsten Wagenklasse.
Mit dem Kauf eines Tickets reserviert man immer auch gleich eine Liege. Hier lohnt es sich, Liegen mit Nummern kleiner 36 zu buchen, denn diese Liegen sind quer zur Fahrtrichtung angeordnet, ca. 170cm lang und man kann die Füsse in den Gang strecken. Liegen mit Nummern grösser 36 schauen in Fahrtrichtung, sind nur 165cm lang und es gibt keine Möglichkeit die Beine zu strecken. Nr 33 - 36 kann ich auch nicht empfehlen, da sie an die Toiletten angrenzen, welche beim Betätigen der Spülung einen höllischen Lärm machen. Ich bin mit meiner Wahl - Wagen 13, Platz 13 - sehr zufrieden. Ungefähr in der Mitte, ein bisschen näher bei der Schaffnerin wo der Samovar steht.
Samovar
Es ist im grossen ganzen ruhig. Jeder hat die unterschiedlichsten Esswaren dabei. Was man recht häufig sieht, sind Лапша (Lapscha=Nudeln). Es ist ein Fertiggericht. Am Samovar, der in jedem Wagen verfügbar ist, holt man sich heisses Wasser, giest es zu den Nudel, welche sich in einer Styropor-Schale befinden, wartet fünf Minuten und fertig ist die kleine Mahlzeit. Man kann Lapscha bei der Проводница (Provodniza=Schaffnerin) kaufen. Das ist zwar teurer als am Kiosk auf dem Bahnsteig, aber immer noch günstig. Wir haben eine sehr nette Schaffnerin. Sie heisst Olja und teilt sich den Job mit ihrem Mann. Sie arbeitet tagsüber während er die Nachtschicht übernimmt. So reisen sie gemeinsam sieben Tage nach Osten und gleich anschliessend wieder zurück und nach 14 Tagen Pause das Gleiche wieder von vorn. Beim Einsteigen in Moskau hat Olja mein Ticket und den Pass kontrolliert und wusste daher, dass ich nicht Russe bin. Sie will wissen, von wo ich komme, warum ich so gut Russisch spreche und warum ich alleine reise. Ich antworte, dass ich aus Aserbaidschan komme. Glaubt sie nicht. Aus Georgien. Nein, glaubt sie auch nicht - klar sie hat ja meinen Pass gesehen. Ich bleibe ihr die Antwort schuldig, aber wir habe ja auch noch Zeit bis Irkutsk. Bis jetzt sind wir acht Stunden unterwegs und bis zu meinem Ziel sind es noch weitere 66.
An denjenigen Bahnhöfen, wo wir 15-20 Minuten Pause machen finden sich meistens Kioske oder Verkaufstände auf dem Bahnsteig. Dort kann man sich mit Lebensmitteln eindecken und manchmal gibt es auch in der Mikrowelle aufgewärmte Fertiggerichte. Ich kaufe eine Schale Lapscha und eine 2L Flasche Kwas für 160 Rubel (ca. 2.50 CHF).
Einigen Reisenden merkt man an, dass sie häufig mit der Transsib unterwegs sind. Sie sind bestens ausgerüstet z.B. mit einem riesigen, lichtdichten Tuch, dass sie unter die Matraze der oberen Liege klemmen, sodass es als Verunkelungszelt für die Liege darunter dient.
Vis-à-vis von meinem Abteil ist ein wohl frisch verliebtes Pärchen, beide ca. 20 Jahre alt. S'isch härzig, wie's immer am schätzele sind.
Es ist jetzt 22:20Uhr Moskauer Zeit, in 7Std erreichen wir die nächste Zeitzone.
Die drei Burschen aus meinem Abteil bieten mir immer wieder Essen an, wenn sie für sich selber auftischen (Brot, Käse, Wurst). Ich habe leider nichts spezielles, was ich mit ihnen teilen kann, denn die Basler Läckerli, scheinen ihnen nicht so zu schmecken. Vielleicht bekommen sie morgen Lust auf Schweizer Schokolade, wir werden sehen. Ich versuche, wieder mit ihnen ins Gespräch zu kommen, indem ich sie nach ihren Fremdsprachenkenntnissen frage. Sie hätten in der Schule Englisch, Deutsch und Chinesisch zur Auswahl heisst es. Sprechen können sie keine der genannten Sprachen und Aleksandr meint treffend: "Ich war im Unterricht anwesend." 

Transsib Tag 1

Früh morgens um 5:30Uhr werde ich nach 4:30Std Schlaf wach und bin wie gerädert. Schnell auf die Toilette und wieder hingelegt. Um 9Uhr stehe ich auf.
Im Laden vis-à-vis kaufe ich mir Frühstück und eine grosse Flasche Mineralwasser. Es ist bereits sehr heiss auf der Strasse. Nach dem frugalen Mal packe ich meinen Rucksack neu. Nun ist es 11:15Uhr, in einer Stunde mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof Jaroslavskaya. Ein bisschen schade, dass meine Gastgeberinnen nicht zu hause sind. Naja, dafür habe ich Zeit, diese Zeilen zu schreiben.
Nun bin ich gespannt, was mich erwartet auf meiner Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Julia hat mir den Tipp gegeben, dass man beim Halt in Barabinsk guten Fisch kaufen kann aus den örtlichen Seen. Es gibt ihn getrocknet, geräuchert oder gekocht. Allerdings kommt der Zug um 6:53Uhr an - ach nein, das ist ja Moskauer Zeit. Auf der ganzen Strecke bis Wladiwostok fahren alle Züge immer nach Moskauer Zeit. Die Ankunftszeit in Barabinsk nach Lokalzeit wird 9:53Uhr sein.

Ich habe mir extra eine Tabelle angelegt, wann wir wo wie lange halten werden und die Lokalzeiten hinzugefügt, sowie die Zeitzonenwechsel.

Fahrplan Zug Rossia 002M

Station An Pause Ab Dauer Tag An Lokal Ab Lokal Fahrt Reise
Moskva yarosl - 00 13:20 02:57 05 13:20
Vladimir pass 16:17 23 16:40 01:28 16:17 16:40 2:57 2:57
Vyazniki 18:08 19 18:27 01:35 18:08 18:27 4:25 4:48
N.Novgorod 20:02 15 20:17 05:46 20:02 20:17 6:00 6:42
Kirov pass 02:03 15 02:18 03:09 06 02:03 02:18 11:46 12:43
Balezino 05:27 23 05:50 03:45 06:27 06:50 14:55 16:07
Perm 2 09:35 20 09:55 05:16 10:35 10:55 18:40 20:15
Ekaterinb pass 15:11 28 15:39 04:15 17:11 17:39 23:56 25:51
Tyumen 19:54 20 20:14 03:44 21:54 22:14 28:11 30:34
Ishim 23:58 12 00:10 03:04 07 01:58 02:10 31:55 34:38
Omsk pass 03:14 16 03:30 03:23 06:14 06:30 34:59 37:54
Barabinsk 06:53 30 07:23 03:50 09:53 10:23 38:22 41:33
Novosibirs 11:13 19 11:32 03:14 14:13 14:32 42:12 45:53
Tayga 14:46 02 14:48 02:02 18:46 18:48 45:26 49:26
Mariinsk 16:50 26 17:16 01:50 20:50 21:16 47:28 51:30
Bogotol 19:06 01 19:07 00:53 23:06 23:07 49:18 53:46
Achinsk 1 20:00 01 20:01 02:40 00:00 00:01 50:11 54:40
Krasnoyarsk 22:41 22 23:03 03:36 02:41 03:03 52:51 57:21
Kansk enisei 02:39 01 02:40 00:33 08 06:39 06:40 56:27 61:19
Ilanskaya 03:13 22 03:35 02:04 07:13 07:35 57:00 61:53
Tayshet 05:39 02 05:41 02:27 10:39 10:41 59:04 64:19
Nizhneudins 08:08 13 08:21 01:35 13:08 13:21 61:31 66:48
Tulun 09:56 02 09:58 01:51 14:56 14:58 63:06 68:36
Zima 11:49 30 12:19 02:48 16:49 17:19 64:57 70:29
Angarsk 15:07 02 15:09 00:32 20:07 20:09 67:45 73:47
Irkutsk sort 15:41 02 15:43 00:14 20:41 20:43 68:17 74:21
Irkutsk pass 15:57 23 16:20 20:57 21:20 68:31 74:37
An & Ab Ankunfts- und Abfahrtszeiten in Moskauer Zeit (standard)
Pause Aufenthalt an der Bahnstation in Minuten
Dauer Fahrtdauer bis zum nächsten Halt
Tag Datum 5. - 8. Juli 2015
Ab Lokal Abfahrtszeit in lokaler Zeit. Fett & unterstrichen = Zeitzonenwechsel
Fahrt Reine Fahrzeit seit Moskau
Reise Reisezeit (Fahrt + Pausen) seit Moskau

Samstag, 4. Juli 2015

Transsib Anreise


Auf dem Weg zum Bahnhof Winterthur Töss kommen mir Zweifel, ob ich wirklich das nötige Training habe für den Einsatz am Baikalsee. Der Rucksack wiegt 17Kg und erscheint mir bereits schwer. Bis zur Ankunft in Irkutsk wird er leichter sein, da ich noch Essen und Geschenke für unterwegs dabei habe (z.B. 2Kg Schokolade & 1.5Kg Basler Läckerli). Wie schwer wird er sein, wenn wir das ganze Material aufgeladen haben werden? Die Tour von Listvjanka nach Bolshye Koty wird mit einem steilen Anstieg beginnen und gerade zu Beginn werden wir das schwerste Gepäck habe wegen der Lebensmittel für die ganze Woche. Nun, ja, jetzt bin ich unterwegs, wir werden sehen.

Am Flughafen Zürich ist viel los, klar - Ferienanfang! Zum Glück ist Moskau nicht die primäre Destination, sodass schnell eingecheckt ist. Auch die "Durchleuchtung" geht schnell von statten und schon stehe ich an der Passkontrolle und wenig später am Gate D41. Neben mir im Flugzeug sitzt ein fünfjähriger Junge. Er ist mit seiner Mutter unterwegs via Moskau nach Simferopol. Er schwatzt die ganzen drei Stunden ununterbrochen, aber das ist mir lieber als Geschrei. Gegen Ende des Flugs komme ich mit seiner Mutter ins Gespräch. Sie ist erstaunt über mein Russisch und kann fast nicht glauben, dass ich es in der Schweiz gelernt habe.

Im Flughafen Moskau Sheremetevo dauert die Passkontrolle wieder einmal Ewigkeiten. Eine riesige Menschentraube vorwiegend aus Chinesen wartet auf die Abfertigung. Diese dauert so lange, dass die Gepäckausgabe des Flugs von Zürich schon längst beendet ist. Ganz zufällig am Ende der Halle finde ich meinen Rucksack wieder. Nun freue ich mich darauf, von meinen Freunden aus St. Petersburg abgeholt zu werden. Julja und Kolja sind extra nach Moskau gereist, um mich zu treffen und wenn auch nur für ein paar Stunden bei einem gemeinsamen Abendessen. Leider sind sie zum Flughafen Domodedovo gefahren. Sie schlagen vor, sich am Bahnhof Belorusskaya zu treffen, den ich vom Flughafen Sheremetevo bequem mit dem Aeroexpress Zug erreiche. Ich kaufe mir für 470 Rubel (ca. 7.50 CHF) ein Ticket. 15 Minuten vor Abfahrt werden wir auf's Perron gelassen, welches man ähnlich wie in der Metro nur durch eine Schleuse betreten kann. Geöffnet wird sie mit dem Strichcode auf dem Ticket. Pünktlich um 19:30 fährt der Zug los und kommt ebenso pünklich um 20:05 an.

Kolja  und Julja begrüssen mich herzlich und schon machen wir uns per Metro auf den Weg nach Metro Krasnoselskaya wo ich über airbnb bei Yulia Evseeva gebucht habe. Die Wohnung ist schnell gefunden, ich verteile Geschenke nehme den Wohnungsschlüssel in Empfang und verabschiede mich von Yulia und ihrer Mitbewohnerin Xenia, denn beide gehen an ein Openair Konzert und kommen erst zurück, wenn ich schon wieder weg sein werde. Ich soll den Schlüssel in den Briefkasten werfen.
Shrimps Platte für 4 Personen
Meine Petersburger Freunde und ich machen uns auf den Weg zum Seafood Restaurant Boston wo Julja für uns reserviert hat. Es gibt hervorragende Skandinavische Ukha (Fischsuppe), ausgezeichneten, Russischen Weiss- und Rotwein und dann bestellen wir eine riesige Portion gemischte Shrimps: scharfe, geräuchte, süsse aus der Kamchatka und thailändische. Alles sehr, sehr lecker! Danke Julia für diesen Tipp, es war wundervoll.

Julja und Kolja begleiten mich noch ein Stück weit in der Metro. Ihr Zug zurück nach St. Petersburg fährt morgens um ca. 01:00 und sie erreichen ihn noch ohne Eile. Wir verabschieden uns ebenso herzlich, wie wir uns begrüsst haben und hoffen, uns bald wieder zu sehen.

Wieder zurück in der Wohnung bemerke ich, dass es keine Möglichkeit gibt, das Zimmer zu verdunkeln. Zusammen mit dem beträchtlichen Lärm der Strasse stelle ich mich darauf ein, dass ich jetzt ein paar Stunden liegen werde, an Schlafen denke ich lieber nicht. Ich muss dann aber doch noch eingeschlafen sein.

Samstag, 24. Januar 2015

Nach Sibirien an den Baikalsee

Einleitung

Im Sommer an einen Strand zu liegen und mich unter tausenden anderen von der Sonne tosten zu lassen ist nicht mein Ding. Teuer müssen die Ferien auch nicht sein. Was mir gefällt ist ein aktiver Urlaub bei dem ich Land und Leute kennen lerne und mich nützlich mache. Gute Erfahrungen diesbezüglich habe ich als WWOOFer gemacht. Als solcher arbeite ich ein paar Stunden am Tag (4-6) auf einem Bio-Betrieb als Freiwilliger und erhalte dafür kostenlos Verpflegung und Unterkunft. Tolle Sache!
Da ich noch ein gültiges Visum für Russland bis Ende Juli 2015 habe, suche ich nach WWOOF Betrieben in der Russischen Föderation. Es gibt einige, jedoch meist im Grossraum Moskau und da es mich mehr Richtung Sibirien zieht, erweiterte ich meine Suche und stosse schliesslich auf The Great Baikal Trail Bingo! Das ist genau nach meinem Geschmack. Sofort melde ich mich als Freiwilliger zur Pflege des Wanderwegs zwischen Листвянка und Большые Коты am Baikalsee und bekomme kurz darauf am 24. Januar 2015 die Bestätigung, dass ich für das Projekt The Land of Baikal Taiga akzeptiert werde. Es handelt sich um ein sogenanntes Transit-Projekt, d.h. dass neben den persönlichen Dingen auch die Zelte, Werkzeuge, Pfannen und Lebensmittel für 13 Personen für eine ganze Woche von den Teilnehmern selbst alle zwei Tage weiter zum nächsten Lagerplatz getragen werden müssen. Also nicht zuviel Ware von zuhause mitnehmen und auf's Gewicht der eigenen Ausrüstung schauen.

Vorbereitung

Das Projekt The Land of Baikal Taiga lässt sich ideal mit einem anderen Traum von mir kombinieren: einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Bei der Russischen Eisenbahn versuche ich ein Ticket von Moskau nach Irkutsk zu buchen mit Abfahrt am 5.7.15. Jedoch kann frühestens 45 Tage vor Reiseantritt gebucht werden, also mache ich mir einen entsprechenden Eintrag in der Agenda, um den Termin nicht zu verpassen. Für die Reise von Zürich nach Moskau finde ich bei Skyscanner einen günstigen Flug und auf anywayanyday finde ich ein günstiges Ticket von Irkutsk via Moskau, Berlin zurück nach Zürich.
Am 20.5. erinnert mich meine Agenda daran, nun das Ticket für die Transsibirische zu buchen, aber der Zug Rossia 002M erscheint nicht in der Auswahl! Hm, die Flugtickets habe ich schon, was, wenn es mit der Bahn nun nicht klappt? Fährt sie an dem Datum nicht? Habe ich den Fahrplan falsch gelesen? Ich probiere es am nächsten Tag. Wieder Fehlanzeige. Am 22.5. erscheint dann der gewünschte Zug doch noch in der Liste und ich buche Wagen 13, Platz 13 in der günstigsten Klasse Плацкартный (Plazkartny, Reserved seat) für umgerechnet 150.- CHF. Nun fehlen nur noch die Übernachtungen in Moskau und Irkutsk. Bei airbnb werde ich schnell fündig. Ich buche in der Nähe des Bahnhofs Moskau Jaroslavskaya und ebenso in der Nähe des Bahnhofs Irkutsk, beide Unterkünfte bequem zu Fuss erreichbar. So, die Reise ist organisiert, jetzt noch die Ausrüstung prüfen und ergänzen oder ersetzen und es kann los gehen.